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Landschaft im Augen-Blick

Text von Melanie Franke von 2005, erschienen in der Broschüre "Ina Bierstedt - Malerei 2002 bis 2005" ©Melanie Franke, 2005

In den Bildern von Ina Bierstedt schweift der Blick in Landschaften, schaut in ferne Himmelsphären, taucht ein in tiefe Tümpel und moorige Seen und gleitet auf spiegelnden Wasserflächen. Manchmal blickt der Betrachter von oben auf die Gefilde hinunter, in einen Wald hinein, gerät in Morast und Unterholz. In den Bildern ist es zumeist still, nichts geschieht. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, irgendwo. Entlegen sind die Orte, leer die Häuser, verlassen die Zelte. In dem Werk „Signale“ (2003) sind zwei Figuren vor einem lauten, blauen Hintergrund ins Bild gesetzt, wirken verloren in einer zu weiten Welt. Sie machen sich auf den Weg, gehen bevor es dunkel wird. Die Dämmerung bricht ein. In beinahe allen Bildern breitet sich etwas Diffuses, Geheimnisvolles aus, legt sich über die Landschaft, legt sich über das satte Grün und taucht es in samtiges Dunkel. Gedämpfte Töne wie lehmiges Braun, mooriges Grün, trübes Blau und nebeliges Grau bestimmen die abendliche Atmosphäre, den Moment in dem das Licht weicht. Es ist eine betörende Stimmung zwischen ‚Nicht-mehr-Wachsein‘ und ‚Noch-nicht-Schlafen‘, wenn sich die Lider senken und den Blick trüben.

Die bizarren Größenverhältnisse in den Bildern rufen eine Atmosphäre des Traumhaften, des Unwirklichen hervor. In einem dichten, algenähnlichen Geflecht des Bildes „Ambulanz“ (2004) steht ein Bus, detailliert gemalt, in eigentümlich anderer Proportion zu dem bizarren Geäst; als hätte jemand einen Spielzeugbus in ein Aquarium fallen lassen. Das Motiv wiederholt sich am rechten Bildrand, löst dort allerdings seine Form auf, ist verschwommen. Durch Deformation verlieren die Zeichen an Eindeutigkeit. Texturen, schwarze Linien, die manchmal Buschwerk und Pflanzenstrukturen andeuten, dehnen sich über die gesamte Bildfläche aus. Sie umschließen einen Bildraum und öffnen ihn für Assoziationen. Die Angaben sind zu umrisshaft und vage, als dass sie Gegenstände eindeutig wiedergeben. Das Traumhafte der Atmosphäre dehnt sich aus. Manche Stellen sind flüchtig gemalt, weisen diffuse Farbschlieren auf, werden unscharf. So ist zum Beispiel das Haus in dem Bild „Hütte“ (2004) umgeben von Bäumen, deren Stämme lasierende Farbschichten milchig verschleiern. Farbspuren früherer Arbeitsphasen bleiben sichtbar und zeugen von einer Faktur, die dem Betrachter den Prozess des Malens vor Augen führt.

Über dem Haus schwebt eine weiße Wolke, die sich ohne konkrete Form ausdehnt und sich allmählich über das Dach senkt. Es ist die hellste Stelle im Bild: im gleißenden Licht erstrahlt das Formlose. In anderen Bildern ist das Diffuse weniger konzentriert an einem Ort, sondern dehnt sich über die gesamte Fläche aus. So stehen die glasklar gemalten Bäume und Felsen in dem Bild „o.T.“ (2004) kulissenartig vor einer sich im Dunst auflösenden Landschaft, die zum Horizont hin immer verschwommener, diesiger wird, bis sie sich allmählich im hellen Nebel verliert. Das durch den Nebel hervorgerufene Zusammenspiel von Zu-sehen-Sein und Verbergen, das Oszillieren zwischen Transparenz und Opazität, erinnert an das Panorama, welches der „Wanderer über dem Nebelmeer“ (1818) von Caspar David Friedrich im Blick hatte.

In einigen Bildern sind Motive der „Jagd“ (2002), wie Reh und „Falke“ (2003) in Szene gesetzt. Diese sind nicht als Jagende oder Gejagte dargestellt, sondern wie Requisiten in die Natur-Kulisse platziert, welche aus einem langwierigen malerischen Prozess erwächst. Zumeist beginnt Ina Bierstedt mit einer vagen Bildidee, die im Laufe des Malens ihre Gestalt mehrmals ändern und letztlich zu einem unerwarteten Ergebnis führen kann. Schichten aus lasierend aufgetragener Acrylfarbe verdichten sich allmählich zu einem Bildraum, in den abgemalte Fotografien aus Jagdzeitschriften, gefundene Fotos und Elemente aus Modelleisenbahnlandschaften, als Zitat und Fragment einfließen. Weiß unterlegt, wie appliziert, schweben die Motive in einigen Bildern gleichsam vor der Szenerie.

Die Natur in den Bildern Ina Bierstedts setzt sich aus bereits durch andere Medien überlieferte Versatzstücken zusammen. Die Motive wurden also zweimal gesehen, beim Fotografieren und beim Malen, bevor sie als Malerei erneut gesehen werden. Im Prozess des Malens sind verschiedene Blicke am Werk. Blicke, die besonders scharf und genau sehen, Details unter die Lupe nehmen wie die „Zwei Jäger“ (2004). Die Figuren sind konturiert und gegenständlich präzise gemalt, ebenso einzelne Bäume. In anderen Bildern sind es der Bus, die Freitreppe, das Reh. Die gemalten Versatzstücke zeugen von einem Blick, der lange hinsieht und jedes Detail erfasst. Sie zeugen von einem Blick, der Rinde und Blätter eines Baumes mit all ihren Vertiefungen und seinen Lineaturen erfasst. Die grobe Körnung oder die Pixelstruktur des fotografischen Ausgangsmaterials wird malerisch zuweilen übernommen und forciert die Distanz zwischen dem einzelnen Motiv und seinem Bildraum. Das Modellhafte und Versatzstückartige verleiht der Szenerie den Anschein des Konstruierten. Sie ist nicht ‚natürlich‘ gewachsen. Diese Transformation wirkt sich nicht nur motivisch sondern auch ästhetisch aus. Was wir als Natur zu erkennen glauben, entpuppt sich als etwas anderes, als Zeichen ahnbarer und doch verschlossener Sinngehalte.

So scheinen die Jäger im Trüben zu fischen, nach einem versunkenen ‚Mittelpunkt der Welt‘; die „Freitreppe“(2003) führt hinaus auf einen See, auf dessen Wasseroberfläche sich der Himmel spiegelt. Das Versunkensein in die Landschaft, das Versinken in der Erde, das Abgründige und Tiefe, die Räume voller Verlorenheit sind Ausdruck einer betörend schönen Melancholie. Das Elegische und ein „Fin-de-Siècle-Ennui“ wurde von Max Hollein jüngst als Charakteristikum der „Neuen Romantik“ genannt. „Eine ganze Reihe junger Künstler knüpft entschlossen an diesen romantischen Geist an, will das Alltägliche hinter sich lassen, entwickelt provokante poetische Gegenwelten, entwirft einen neuen Bezug des Individuums zur Natur und knüpft an die Sehnsucht nach dem Paradiesischen, Schönen und Märchenhaften an, ohne dabei das Abgründige und das Unheimliche zu vergessen, das stets hinter solchen Idyllen lauert.“

In der Betrachtung der Bilder Ina Bierstedts richtet man seinen Blick auf ein Detail oder in die Ferne, fixiert einen Punkt oder träumt vor sich hin oder wendet den Blick nach innen, in die innere Landschaft. Die Landschaft ist keine unmittelbar betrachtete, sondern hat bereits verschiedene, mittelbare ‚Blickstadien‘ durchlaufen. In allen Bildern spielen vieldeutige, diffuse und opake Regionen mit detaillierten, klaren und gegenständlichen Momenten zusammen und bilden ein Panorama unterschiedlicher Blicke. Diese verschieben die gewohnten Proportionen, stellen das vermeintlich Sichtbare in Frage, reichen ins Traumhaft-Imaginäre und Atmosphärische hinein. Natur wird geradezuinszeniert, kulissenartig gestaltet, sie entsteht und vergeht im Augen-Blick.

Melanie Franke

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