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Kleine TÄumereien

Text von Christine Humpl von 2008, erschienen im Katalog "second", ©Christine Humpl,2008

Ina Bierstedts Malerei der letzten Jahre ist ruhiger geworden. Kaum sind mehr schablonenartige menschliche und tierische Versatzstücke sichtbar. Natur und Architektur dominieren – oftmals in einem sich gegenseitig akzeptierenden Nebeneinander wie bei Zwei Lampen (2008) oder in harmonischem Einverständnis miteinander wie bei Glashaus (2008). Reine Naturbilder wie Fluss (2006) und Schilf (2007) harmonieren sogar mit sich selbst. Einige wenige Arbeiten deuten noch auf Naturkatastrophen hin; Rosstrappe (2006) zeigt einen vor der Gischt des Meeres endenden Steg, zwei in Weiß unterlegte Lampen behaupten sich immer noch in vertikaler Lage gegenüber dem Unwetter. Sturm 05 (2005) und Sturm 06 (2006) sind etwas mysteriöser, bei Ersterem ist ein auf den Kopf gestelltes Haus (möglicherweise eine Spiegelung, ein von Ina Bierstedt häufig verwendetes stilistisches Mittel) sichtbar. Das zweite Bild ermöglicht dem Betrachter die Sicht auf eine Häusersiedlung von oben, die im Wasser oder in einem Sumpf zu verschwinden droht.

Das Interesse der Künstlerin gilt vor allem der prozessualen Mal- und Bildentwicklung. Viele Übermalungen und lasurartige Farbschichten deuten auf einen langen Malprozess hin: Ich setze Farben und malerische Techniken im Sinne der sich langsam entfaltenden Bildidee ein und arbeite grundsätzlich sehr experimentell, schreibt Ina Bierstedt in ihrem Künstlerstatement. Jörg Heiser umreißt in Plötzlich diese Übersicht. Was gute zeitgenössische Kunst ausmacht die Schwierigkeit zeitgenössischer Malerei folgendermaßen: Vielleicht ist das die Herausforderung an Malerei genau das sichtbar zu machen, was sich dem Sichtbarwerden entzieht: die Entscheidungsprozesse, die Effekte von Macht und Ohnmacht, die das gesellschaftliche Zusammenleben durchziehen und in den feinsten Körperempfindungen jedes Einzelnen widerklingen.

Oft frage ich mich, ob es die in Ina Bierstedts Gemälden dargestellten Verhältnisse in Wirklichkeit gibt und warum sie uns teils bekannt vorkommen. Bei einigen gibt es einen Bezug zum realen Leben, weil die Betrachter ähnliche Situationen kennen. Es handelt sich um Momente, die wir häufig nur flüchtig (wie zum Beispiel. bei einem kurzen Blick auf eine unklare Situation aus dem Zugfenster) oder nur in Zwischenzuständen (wie zum Beispiel im Halbschlaf) wahrnehmen. Ich denke auch an vor allem aus der Kindheit erinnerliche Wettersituationen, zum Beispiel wenn sich die Luft nach einem sommerlichen Hitzegewitter spürbar verstofflicht. Oder an Lichtsituationen kurz vor einem Hagelgewitter, an die Luft nach einem Regen im Frühling oder die Minuten kurz vor Sonnenunter- oder -aufgang. Ina Bierstedts Malerei erlaubt uns, diese kurzen, real, aber individuell wahrgenommenen Bilder der Natur länger als in der Wirklichkeit zu betrachten vielleicht ist das ein wesentlicher Grund für die starke Anziehungskraft ihrer Arbeiten. Nochmals betrachten, nachempfinden wie schön! Zur Lichtsituation in ihren Bildern sagt die Künstlerin: Mich interessiert der Moment, in dem Licht oder ein farbiger Punkt eine riesige Geschichte zu erzählen beginnt. Stets beschäftigt mich die Frage, wie stark Malerei mit Assoziationen rechnen kann.

Martin Seel hat die Natur nicht nur als Ort der Kontemplation und mit dem eigenen Leben korrespondierenden Ort, sondern auch als Schauplatz der Imagination beschrieben. Und dies nicht im Sinn einer seltsamen Träumerei, sondern eines gelungenen und nur unter bestimmten Bedingungen glückenden Einklangs der Kunst mit der Natur Gert Friedrich Jonkes Erzählung die gegenwart der erinnerung‘ handelt von den merkwürdigen Begebenheiten bei einem Sommerfest in einer Villa im Grünen. Höhepunkt des Abends ist ein Kammerkonzert, das nach einigen absonderlichen Vorspielen in der Aufführung einer unhörbaren Sonate mündet. Aus der die Gäste vollkommen einhüllenden Sonatenstille‘ begibt sich der Erzähler in den verlassenen und finsteren Garten nur um dort eines noch viel seltsameren Luftgesangs‘ anhörig zu werden. In diesem Beispiel wird das Naturgeschehen durch die akustische Deutung optischer Phänomene und körperlicher Berührungsempfindungen aufgenommen, und es entsteht eine sehr besondere Naturerfahrung, eine Art von Gesamtkunstwerk. Ähnlich sehe ich die Bilder Ina Bierstedts, ich empfinde die von ihr dargestellte Natur mit allen Sinnen, ich betrachte sie als wirklich Geschehenes und Empfundenes. Traumhaft ist nur die Wirkung der Bilder, nicht jedoch die verursachende Erscheinung oder Situation. Ina Bierstedts Arbeiten zielen auf eine objektive Korrespondenz mit der Natur. Ich kenne ihren Gelben Baum (2006), einen Nadelbaum, der im Frühjahr gelblich austreibt; in dieser Gegend liegen oft selbst im Sommer noch Schneereste, der Baum wiegt, biegt sich im Wind, es riecht nach frischen Nadeln und Honig, ein wenig auch nach Industriezucker, den meine Mutter immer für die Herstellung von Tannenwipfelhonig verwendet hat, der Streifregen berührt meinen Körper die Nase, den Ellbogen, hinter mir Vogelgezwitscher Warnung vor dem Sturm.

Christine Humpl

Christine Humpl hat Kunstgeschichte und Wirtschaftswissenschaften in Innsbruck und Chicago studiert und arbeitet seit 2000 als Kuratorin im Essl Museum in Klosterneuburg bei Wien.

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